Aventin Blog: April 2012

Freitag, 27. April 2012

Das Mädchen und der Klopfgeist | Novelle von Goethe


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Bei einem wackeren Edelmann, meinem Freunde, der ein altes Schloss mit einer großen Familie bewohnte, war eine Waise erzogen worden, die, als sie herangewachsen und vierzehn Jahre alt war, meist um die Dame vom Hause sich beschäftigte und die nächsten Dienste ihrer Person verrichtete. Man war mit ihr wohl zufrieden, und sie schien nichts weiter zu wünschen, als durch Aufmerksamkeit und Treue ihren Wohltätern dankbar zu sein. Sie war gebildet, und es fanden sich einige Freier um sie ein. Man glaubte nicht, dass eine dieser Verbindungen zu ihrem Glück gereichen würde, und sie zeigte auch nicht das mindeste Verlangen ihren Zustand zu ändern. 

Auf einmal begab es sich, dass man, wenn das Mädchen in dem Hause geschäftlich herum ging, unter ihr, hier und da, pochen hörte. Anfangs schien es zufällig, aber da das Klopfen nicht aufhörte und beinahe jeden ihrer Schritte bezeichnete, ward sie ängstlich und traute sich kaum aus dem Zimmer der gnädigen Frau heraus zu gehen, als in welchem sie allein Ruhe hatte. 

Dieses Pochen ward von jedermann vernommen, der mit ihr ging oder nicht weit von ihr stand. Anfangs scherzte man darüber, endlich aber fing die Sache an unangenehm zu werden. Der Herr vom Hause, der von einem lebhaften Geist war, untersuchte nun selbst die Umstände. Man hörte das Pochen nicht eher, als bis das Mädchen ging, und nicht sowohl indem sie den Fuß aufsetzte, als indem sie ihn zum Weiterschreiten aufhob. Doch fielen die Schläge manchmal unregelmäßig, und besonders waren sie sehr stark, wenn sie quer über einen großen Saal den Weg nahm. 

Der Hausvater hatte eines Tages Handwerksleute in der Nähe und ließ, da das Pochen am heftigsten war, gleich hinter ihr einige Dielen aufreißen. Es fand sich nichts, außer dass bei dieser Gelegenheit ein paar große Ratten zum Vorschein kamen, deren Jagd viel Lärm im Hause verursachte. 

Entrüstet über diese Begebenheit und Verwirrung griff der Hausherr zu einem strengen Mittel, nahm seine größte Hetzpeitsche von der Wand und schwor, dass er das Mädchen bis auf den Tod prügeln wolle, wenn sich noch ein einziges Mal das Pochen hören ließe. Von der Zeit an ging sie ohne Anfechtung im ganzen Hause herum, und man vernahm von dem Pochen nichts mehr weiter








Mittwoch, 25. April 2012

Lao-Tsé | Weisheit | Lebensweisheit | Wer andre kennt


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Wer andre kennt, ist klug.


Wer sich selber kennt, ist weise.

Wer andre besiegt, hat Kraft.

Wer sich selber besiegt, ist stark.

Wer sich durchsetzt, hat Willen.

Wer sich genügen lässt, ist reich.

Wer seinen Platz nicht verliert, hat Dauer.

Wer im Tode nicht untergeht, der lebt.


(Lao-Tsé)






Montag, 23. April 2012

Prinz Eugen, der edle Ritter | Ballade von Ferdinand Freiligrath

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Zelte, Posten, Werda-Rufer! Lustge Nacht am Donauufer! Pferde stehn im Kreis herum angebunden an den Pflöcken. An den engen Sattelböcken hangen Karabiner schwer. Um das Feuer auf der Erde, vor den Hufen seiner Pferde, liegt das östreichsche Pikett. 

Auf dem Mantel liegt ein jeder, von den Tschakos weht die Feder. Leutnant würfelt und Kornett. Neben seinem müden Schecken ruht auf einer wollnen Decken der Trompeter ganz allein: „Lasst die Knöchel, lasst die Karten! Kaiserliche Feldstandarten wird ein Reiterlied erfreun!

Vor acht Tagen die Affäre hab ich, zu Nutz dem ganzen Heere, in gehörgen Reim gebracht; selber auch gesetzt die Noten; drum, ihr Weißen und ihr Roten, merket auf und gebet acht!“

Und er singt die neue Weise einmal, zweimal, dreimal leise denen Reitersleuten vor; und wie er zum letzten Male endet, bricht mit einem Male los der volle kräftge Chor:

„Prinz Eugen, der edle Ritter!“ Hei, das klang wie Ungewitter weit ins Türkenlager hin. Der Trompeter tät den Schnurrbart streichen und sich auf die Seite schleichen zu der Marketenderin.







Samstag, 21. April 2012

Wahrheit und Lüge oder Für und Wider den guten Ton | Fontane


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Als es mit der Ming-Dynastie zur Neige ging und die siegreichen Mandschuheere schon in die Palast-Gärten von Peking eingedrungen waren, erschienen noch immer Boten und Abgesandte, die dem Kaiser von Siegen und wieder Siegen meldeten, weil es gegen den „Ton“ der guten Gesellschaft und des Hofes war, von Niederlagen zu sprechen. 


Oh, dieser gute Ton! 

Eine Stunde später war ein Reich zertrümmert und ein Thron gestürzt. Warum? Weil alles Geschraubte zur Lüge führt und alle Lüge zum Tod. 







Donnerstag, 19. April 2012

Unterhaltsames Gedicht | Kreuz und Quer | Johann Wolfgang Goethe

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Wir reiten in die Kreuz und Quer
nach Freuden und Geschäften,
doch immer kläfft es hinterher
und bellt aus allen Kräften.

So will der Spitz aus unserm Stall
uns immerfort begleiten,
und seines Bellens lauter Schall
beweist uns, dass wir reiten.








Sonntag, 15. April 2012

Calderon | Wer ist's? | Rätsel | Ich will mich definieren


Ich will mich definieren:

Kraft der Kräfte, die da zieren mein und dein unsterblich Sein, bin das Licht ich, das allein Menschen scheidet von den Tieren.

Bin der zauberische Duft, der da spiegelt Lust und Qualen, flüchtiger als die Sonnenstrahlen, wandelbarer als die Luft.

Habe kein beständig Haus, darin zu sterben, darin zu leben; wandre meines Weges eben und weiß nimmer, wo hinaus.

Hohes Glück und schlimmes Los sehnen mich stets an ihrer Seite, Knecht und Ritter ich geleite, keine Dame wird mich los.

Auf dem Throne mit dem König überwache ich den Staat und als sein geheimer Rat sorge ich viel und schlafe wenig.

Sitze beim Schwelger zu Gericht, baue dem Fleißigen goldene Brücken, brüte in dem Schleicher Tücken und die Schuld im Bösewicht.

Schönheit bin ich bei den Frauen, bei dem Geizhals Schatz auf Schatz, bei dem Spieler Satz um Satz, beim Soldaten Siegsvertrauen.

Frauengunst bei dem Verliebten, bei dem Bettler bitteres Leid, bei dem Heiteren Fröhlichkeit und Betrübnis beim Betrübten.

Kurz, wohin ich immer schwanke, bin ich, mit dem raschen Sinn, nichts und alles, denn ich bin, Freund, ______________________________.




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Dienstag, 10. April 2012

Das Höhlengleichnis | Antike Philosophie

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Das Höhlengleichnis ist eines der bekanntesten Gleichnisse der antiken Philosophie. Es dient bis heute als Standardlehrbeispiel zur Einführung in die Erkenntnistheorie. Platons Lehrer Sokrates verdeutlicht im Gleichnis seinem Gesprächspartner Glaukon den Bildungsweg des Philosophen. Eingebettet ist dieses Gleichnis in die Frage Glaukons nach dem Wesen des Guten und in den Kontext der beiden vorhergehenden Gleichnisse, des Sonnengleichnisses und des Liniengleichnisses, die beide das Verständnis des Höhlengleichnisses vorbereiten. (Wikipedia)

„Und jetzt will ich dir ein Gleichnis für uns Menschen sagen, wenn wir wahrhaft erzogen sind und wenn wir es nicht sind. Denke dir, es lebten Menschen in einer Art unterirdischer Höhle, und längs der ganzen Höhle zöge sich eine breite Öffnung hin, die zum Licht hinaufführt. In dieser Höhle wären sie von Kindheit an gewesen und hätten Fesseln an den Schenkeln und am Hals, so dass sie sich nicht von der Stelle rühren könnten und beständig geradeaus schauen müssten. Oben in der Ferne sei ein Feuer, und das gebe ihnen von hinten her Licht. Zwischen dem Feuer aber und diesen Gefesselten führe oben ein Weg entlang. Denke dir, dieser Weg hätte an seiner Seite eine Mauer, ähnlich wie ein Gerüst, das die Gaukler vor sich, den Zuschauern gegenüber, zu errichten pflegen, um darauf ihre Kunststücke vorzuführen.“ „Ja, ich denke es mir so.“ „Weiter denke dir, es trügen Leute an dieser Mauer vorüber, aber so, dass es über sie hinweg ragt, allerhand Geräte, auch Bildsäulen von Menschen und Tieren aus Stein oder Holz und überhaupt Erzeugnisse menschlicher Arbeit. Einzige dieser Leute werden sich dabei vermutlich unterhalten, andere werden nichts sagen.“ „Welch seltsames Gleichnis! Welch seltsame Gefangene!“ „Sie gleichen uns! Haben nun diese Gefangenen wohl von sich selber und voneinander etwas anderes gesehen als ihre Schatten, die das Feuer auf die Wand der Höhle wirft, der sie gegenüber sitzen?“ „Wie sollten sie! Sie können ja ihr Leben lang nicht den Kopf drehen!“ „Ferner: Von den Gegenständen, die oben vorüber getragen werden? Doch ebenfalls nur den Schatten?“ „Zweifellos.“ „Und wenn sie miteinander sprechen können, so werden sie in der Regel doch wohl von diesen Schatten reden, die da auf ihrer Wand vorüber gehen.“ „Unbedingt.“ „Und wenn ihr Gefängnis auch ein Echo von der Wand zurück wirft, sobald ein Vorübergehender spricht, so werden sie gewiss nichts anderes für den Sprecher halten, als den vorüber kommenden Schatten.“ „Entschieden nicht.“ „Überhaupt, sie werden nichts anderes für wirklich halten als diese Schatten von Gegenständen menschlicher Arbeit.“ „Ja, ganz unbedingt“. „Nun denke dir, wie es ihnen ergeht, wenn sie frei werden, die Fesseln abstreifen und von der Unwissenheit geheilt werden. Es kann doch nicht anders sein als so. Wenn einer losgemacht wird, sofort aufstehen muss, den Hals wenden, vorwärst schreiten und hinauf nach dem Lichte schauen muss – das alles aber verursacht ihm natürlich Schmerzen, und das Licht blendet ihn so, dass er die Gegenstände, deren Schatten es bis dahin sah, nicht erkennen kann -, was wird es dann wohl sagen, wenn man ihm erklärt: bis dahin habe er nur eitlen Tand gesehen; jetzt sei er der Wahrheit viel näher und sähe besser; denn die Gegenstände hätten höhere Wirklichkeit, denen er jetzt zugewendet sei! Und weiter, wenn man auf die einzelnen Gegenstände hin zeigt und ihn fragt, was sie bedeuten. Er würde doch keine einzige Antwort geben können und würde glauben, was er bis dahin gesehen, hätte mehr Wirklichkeit, als was man ihm jetzt zeigt.“ „Weit mehr.“ „Und zwingt man ihn, das Licht selber anzusehen, so schmerzen ihn doch die Augen. Er wird sich umkehren, wird zu den alten Schatten eilen, die er doch ansehen kann, und wird sie für heller halten als das, was man ihm zeigt.“ „Ja, das wird es tun.“ „Und zieht man ihn gar den rauen steilen Aufgang mit Gewalt hinauf und lässt nicht ab, bis man ihn hervor ins Sonnenlicht gezogen hat, so steht er doch Qualen aus, wehrt sich unwillig, und, ist er oben im Licht, so hat er die Augen voller Glanz und kann kein einziges von den Dingen sehen, die wir wirklich nennen.“ „Nein, wenn es plötzlich geschieht, nicht.“ „Er muss sich erst an das Licht gewöhnen, wenn er die Gegenstände oben sehen will. Zuerst wird er wohl am besten die Schatten erkennen, später die Spiegelungen von Menschen und anderen Gegenständen im Wasser, dann sie selber. Weiter wird er die Himmelskörper sehen und den Himmel selber, und zwar besser bei Nacht die Sterne und den Mond, als bei Tage die Sonne und ihre Strahlen.“ „Freilich.“ Schließlich wird er in die Sonne selber sehen können, also nicht bloß ihre Spiegelbilder im Wasser und anderswo hier unten erblicken, sondern sie selber oben an ihrem Ort. Er wird ihr Wesen begreifen.“ „Unbedingt.“ „Und dann vermag er den Schluss zu ziehen, dass sie es ist, die Jahreszeiten und Jahre hervor bringt, die über die ganze sichtbare Welt waltet und von der im gewissen Sinne alles, was man sieht, ausgeht.“ „Es ist klar, dass er hierhin zuletzt gelangt.“ „Nun weiter! Wenn er jetzt an die alte Wohnung zurück denkt und an die dortige Weisheit und an seine Mitgefangenen, so preist er sich doch glücklich über den Wechsel und bedauert jene.“ „Gewiss.“ „Und wie denkt er über die Ehrungen und Lobsprüche und Geschenke, die man dort unten voneinander erhielt? Nämlich dann, wenn einer die vorbei kommenden Schatten recht genau erkannte und sich am besten einprägte, welche zuerst, welche nachher und welche zu gleicher Zeit zu erscheinen pflegten, wodurch er dann die in Aussicht stehenden gut erraten konnte. Wird es ihn nun noch danach verlangen? Wird er die Leute beneiden, die unten in Ansehen stehen und die Macht in Händen haben? Oder wird es ihm so ergehen, wie es bei Homer steht? D.h. Wird er weiter lieber Ackerknecht bei einem armen Manne sein und alles aushalten wollen, als jenen Wahn teilen und jene Reden führen?“ „Ja, ich glaube, er erträgt lieber alles, als dass er jenes Leben führt.“ „Denke dir nun auch dies: Er würde hinunter steigen und sich auf den alten Platz setzen. Wird er nicht die Augen voller Finsternis haben, wenn er so plötzlich aus der Sonne kommt?“ „Ganz und gar.“ „Und während seine Augen noch stumpf sind und hin und her irren, muss er um die Wette mit den dauernd Gefangenen wieder jene Schatten zu erkennen suchen. Nehmen wir nun noch die Zeit, bis er sich an das Dunkel gewöhnt hat, nicht ganz kurz an, so wird man ihn doch auslachen und sagen, er käme von seinem Aufstieg mit schlechten Augen zurück. Es lohne sich nicht, den Versuch zum Aufstieg zu machen. Wer aber andere frei machen und hinauf führen will, den wird man töten, wenn man seiner habhaft wird und ihn töten kann.“ „Gewiss.“ 

„Nun musst du dies ganze Gleichnis mit unserer voraus gegangenen Darlegung zusammen halten, lieber Glaukon. Setze an Stelle der Gefängniswohnung die durch den Gesichtssinn geoffenbarte Welt und an Stelle des Licht spendenden Feuers die Kraft der Sonne. Wenn du dir fernen unter dem Aufstieg und dem Kennenlernen der Oberwelt die Wanderung der Seele zur denkbaren Welt hinauf denkst, so verstehst du meine Meinung, die du ja zu hören wünschst, durchaus richtig. Gott weiß, ob ich die Wahrheit gefunden habe! Meine Ansicht jedenfalls geht dahin, dass es in der erkennbaren Welt die Idee des Guten ist, die man zuletzt und mit Mühe gewahr wird. Ist man aber ihrer ansichtig geworden, so muss man zu der Überzeugung kommen, dass alles Rechte und Schöne in der ganzen Welt von ihr ausgeht. In der sichtbaren Welt schafft sie das Licht und den Herren des Lichts; in der denkbaren Welt ist sie selber Herrin und gibt Wahrheit und Vernunft. Und wer mit Vernunft handeln will, in seinem persönlichen Leben oder als Staatsmann, der muss sie sehen lernen.“






Donnerstag, 5. April 2012

Johannes Reuchlin und das Rätsel einer jungen Frau

Ein Rätsel, das im Jahre 1497 eine schöne junge Frau dem Johannes Reuchlin aus Pforzheim im Schwarzwald aufgab.
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Als ich mit meinen Gespielinnen im Grünen spazieren ging, begegnete mir an der Quelle, an der ich oft wusch, auf der Wasserfläche eine schöne Gestalt, die mich auch begleitete, als ich nach Hause ging. Bald erschien sie in der Nähe, bald verbarg sie sich hinter den steinigen Höhen; schließlich versuchte sie, mich an der Nase herumzuführen und sich an mich zu schmiegen. Ja, sie wollte mir sogar auf meinem Lager beiwohnen. Sie liebt die Sonne mehr als alles andere und verschwindet im Dunkeln betrübt. Sag mir doch: Was es ist?


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Johannes Reuchlin

Er ist der berühmteste Sohn der Stadt Pforzheim. Johannes Reuchlin wurde im Jahre 1455 geboren und trug zeit seines Lebens stolz den Beinamen „Phorcensis“ („aus Pforzheim“). Neben Erasmus von Rotterdam zählt Reuchlin zu den wichtigsten europäischen Humanisten. Eines seiner Hauptanliegen war es, durch Studium der Sprachen die lateinischen, griechischen und hebräischen religiösen und philosophischen Urtexte wieder zu erschließen. Er wurde somit zu einem Vorläufer der Reformation. Reuchlin gilt als Vorbild der Toleranz, da er sich immer vehement für die Aussagen und den Erhalt alten Schrifttums einsetzte.  








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