Aventin Blog: Dezember 2011

Freitag, 23. Dezember 2011

Weihnachten eines Kellners | Novelle von Heinrich Böll

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Ich weiß nicht, wie es hat geschehen können; schließlich bin ich kein Kind mehr, bin fast fünfzig Jahre und hätte wissen müssen, was ich tat – und hab's doch getan, noch dazu, als ich schon Feierabend hatte und mir eigentlich nichts mehr hätte passieren können. 

Aber es ist passiert, und so hat mir der Heilige Abend die Kündigung beschert. Alles war reibungslos verlaufen: Ich hatte beim Dinner serviert, kein Glas umgeworfen, keine Soßenschüssel umgestoßen, keinen Rotwein verschüttet, mein Trinkgeld kassiert und mich auf mein Zimmer zurückgezogen, Rock und Krawatte aufs Bett geworfen, die Hosenträger von den Schultern gestreift, meine Flasche Bier geöffnet, hob gerade den Deckel von der Terrine und roch: Erbsensuppe. Die hatte ich mir beim Koch bestellt, mit Speck, ohne Zwiebeln, aber sämig, sämig. Es würde zu lange dauern, wenn ich es Ihnen erklären wollte: Meine Mutter brauchte drei Stunden, um zu erklären, was sie unter sämig verstand. 

Na die Suppe roch herrlich, und ich tauchte die Schöpfkelle ein, füllte meinen Teller, spürte und sah, dass die Suppe richtig sämig war - da ging meine Zimmertüre auf, und herein kam der Bengel, der mir beim Dinner aufgefallen war: klein, blass bestimmt nicht älter als acht, hatte sich den Teller hoch füllen und alles, ohne es anzurühren, wieder abservieren lassen. Truthahn und Kastanien, Trüffeln und Kalbfleisch, nicht mal vom Nachtisch, den doch kein Kind vorübergehen lässt, hatte er auch nur einen Löffel gekostet, ließ sich fünf halbe Birnen und 'nen Eimer Schokoladensoße auf den Teller kippen und rührte nichts, aber auch nichts an und sah doch dabei nicht mäklig aus, sondern wie jemand, der nach einem bestimmten Plan handelt. Leise schloss er die Tür hinter sich. Was ist denn das? fragte er. Das ist Erbsensuppe, sagte ich. Die gibt es doch nicht, sagte er freundlich, die gibt es doch nur in dem Märchen von dem König, der sich im Wald verirrt hat. Ich hab's gern, wenn Kinder mich duzen; die Sie zu einem sagen, sind meistens affiger als die Erwachsenen. Nun sage ich, das ist Erbsensuppe. Darf ich mal kosten? Sicher, bitte ,sagte ich, setz dich hin. Nun er aß drei Teller Erbsensuppe, ich saß neben ihm auf meinem Bett, trank Bier und rauchte und konnte richtig sehen, wie sein kleiner Bauch rund wurde, und während ich auf dem Bett saß, dachte ich über so viel nach, was mir inzwischen entfallen ist; zehn Minuten, fünfzehn, eine lange Zeit da kann einem schon viel einfallen, auch über Märchen, über Erwachsene, über Eltern und so. Schließlich konnte der Bengel nicht mehr, ich löste ihn ab, aß dann den Rest von eineinhalb Teller während er auf dem Bett neben mir saß. 

Vielleicht hätte ich nicht in die leere Terrine blicken sollen, denn er sagte: Mein Gott, jetzt habe ich dir alles aufgegessen. Macht nichts, sagte ich, ich bin noch satt geworden. Dann fragte ich ihn: Bist du zu mir gekommen, um Erbsensuppe zu essen? Nein, ich suchte nur jemand der mir helfen kann, eine Kuhle zu finden; ich dachte, du wüsstest eine. Kuhle, Kuhle, dann fiel mir's ein, zum Murmelspielen braucht man eine, und ich sagte: Ja, weißt das wird schwer sein hier im Haus irgendwo eine Kuhle zu finden. Können wir nicht eine machen, einfach eine in den Boden des Zimmers hauen? Ich weiß nicht, wie es hat geschehen können, aber ich hab's getan, und als der Chef fragte: Wie konnten Sie das tun?, wusste ich keine Antwort. Vielleicht hätte ich sagen sollen: Haben wir uns nicht verpflichtet unseren Gästen jeden Wunsch zu erfüllen, ihnen ein harmonisches Weihnachtsfest zu garantieren? Aber ich hab's nicht gesagt, ich hab' geschwiegen. Schließlich konnte ich nicht ahnen, dass seine Mutter über das Loch im Parkettboden stolpern und sich den Fuß brechen würde, nachts, als sie betrunken aus der Bar zurückkam. Wie konnte ich das wissen? Und das die Versicherung eine Erklärung verlangen würde, und so weiter, und so weiter. Haftpflicht, Arbeitsgericht und immer wieder: Unglaublich, unglaublich. 

Sollte ich ihnen erklären, dass ich drei Stunden, drei geschlagene Stunden mit den Jungen Kuhle gespielt habe, dass er immer gewann, und sogar von meinem Bier getrunken hat - bis er schließlich todmüde ins Bett fiel? Ich hab' nichts gesagt, aber als sie mich fragten, ob ich es gewesen bin, der das Loch in den Parkettboden geschlagen hat, da konnte ich nicht leugnen, nur von der Erbsensuppe haben sie nichts erfahren, das bleibt unser Geheimnis. Fünfunddreißig Jahre im Beruf, immer tadellos geführt. 

Ich weiß nicht, wie es hat geschehen können, ich hätte wissen müssen, was ich tat, und hab's doch getan: Ich bin mit dem Aufzug hinuntergefahren, hab' Hammer und Meißel geholt, bin mit dem Aufzug wieder raufgefahren, hab' ein Loch in den Parkettboden gestemmt. 

Schließlich konnte ich nicht ahnen, dass seine Mutter über das Loch im Parkettboden stolpern würde, als sie nachts um vier betrunken aus der Bar zurückkam. Offen gestanden, ganz so schlimm finde ich es nicht, auch nicht, dass sie mich rausgeschmissen haben. Gute Kellner werden überall gesucht.








Freitag, 16. Dezember 2011

Die Sieben Schwaben | Märchen der Gebrüder Grimm

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Einmal waren sieben Schwaben beisammen, der erste war der Herr Schulz, der zweite der Jackli, der dritte der Marli, der vierte der Jergli, der fünfte der Michal, der sechste der Hans, der siebente der Veitli. 

Alle sieben hatten sich vorgenommen, die Welt zu durchziehen, Abenteuer zu suchen und große Taten zu vollbringen. Damit sie aber auch sicher gingen, sahen sie's für gut an, dass sie sich zwar nur einen einzigen, aber recht starken und langen Spieß machen ließen. Diesen Spieß fassten sie alle sieben zusammen an, vorn ging der kühnste und männlichste, das musste der Herr Schulz sein, und dann folgten die andern nach der Reihe, und der Veitli war der letzte. 

Nun geschah es, als sie im Heumonat eines Tags einen weiten Weg gegangen waren und noch ein gutes Stück bis in das nächste Dorf hatten, wo sie über Nacht bleiben wollten, in der Dämmerung auf einer Wiese ein großer Rosskäfer oder eine Hornisse nicht weit von ihnen hinter einer Staude vorbeiflog und feindlich brummelte. Der Herr Schulz erschrak so sehr, dass er fast den Spieß hätte fallen lassen und ihm der Angstschweiß am ganzen Leib ausbrach. "Horcht, horcht", rief er seinen Gesellen, "Gott, ich höre eine Trommel!" Der Jackli, der hinter ihm den Spieß hielt und dem ich weiß nicht was für ein Geruch in die Nase kam, sprach: "Etwas ist ohne Zweifel vorhanden, denn ich schmeck das Pulver und den Zündstrick." Bei diesen Worten hub der Herr Schulz an, die Flucht zu ergreifen, und sprang im Hui über einen Zaun. Weil er aber gerade auf die Zinken eines Rechens sprang, der vom Heumachen da liegen geblieben war, fuhr ihm der Stiel ins Gesicht und gab ihm einen ungewaschenen Schlag. "0 wei, 0 wei", schrie der Herr Schulz, "nimm mich gefangen, ich ergeb mich, ich ergeb mich!" Die andern sechs hüpften sogleich auch alle einer über den andern hinzu und schrien: "Ergibst du dich, so ergeb ich mich auch, ergibst du dich, so ergeb ich mich auch." 

Endlich, wie kein Feind da war, der sie binden und fortführen wollte, merkten sie, dass sie betrogen waren. Und damit die Geschichte nicht unter die Leute käme und sie nicht genarrt und gespottet würden, schwuren sie untereinander so lang davon nichts zu erzählen und darüber zu schweigen, bis einer unverhofft das Maul auftäte. 







Freitag, 9. Dezember 2011

Von Anmut, Leben, Geben und Empfangen | Faust | Goethe

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Anmut bringen wir ins Leben,
Legt Anmut in das Geben, 
Legt Anmut ins Empfangen, 
Lieblich ist´s, den Wunsch erlangen. 
Und in stiller Tage Schranken, 
Höchst anmutig sei das Danken.

 (Goethe, Faust)









Vom Dieb und vom Sonnengott | Fabel von Aesop

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Leute, die in der Nachbarschaft eines Diebes wohnten, nahmen an dessen Hochzeitsfeier teil. Da kam ein weiser Mann hinzu. Als er die Nachbarn gratulieren sah, begann er mit einer Erzählung. "Vernehmt die Geschichte", so sprach er. Der  Sonnengott wollte sich eine Frau nehmen. Da waren alle Leute dagegen und wandten sich mit lautem Geschrei vorwurfsvoll an Jupiter. Das veranlasste den Gott, danach zu fragen, was ihnen denn Böses widerfahren sei. Einer aus der Menge antwortete Jupiter: " Bis jetzt gibt es nur eine Sonne, und bereits diese bringt mit ihrer Hitze alles in Unordnung, so dass die ganze Natur Mangel leidet. Was aber wird aus uns werden, wenn der Sonnengott noch Söhne zeugt?"

Lehre:
Wehret den Anfängen









Freitag, 2. Dezember 2011

Der Hund und das Stück Fleisch | Begierde | Fabel von Aesop

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Ein großer Hund hatte einem kleinen, schwächlichen Hündchen ein dickes Stück Fleisch abgejagt. Er brauste mit seiner Beute davon. Als er über eine schmale Brücke lief, fiel zufällig sein Blick ins Wasser. Wie vom Blitz getroffen blieb er stehen, denn er sah unter sich einen Hund, der gierig seine Beute festhielt. „Der kommt mir zur rechten Zeit", sagte der Hund auf der Brücke, "heute habe ich wirklich Glück. Sein Stück Fleisch scheint noch größer zu sein als meines." Gefräßig stürzte er sich kopfüber in den Bach und biss nach dem Hund, den er von der Brücke aus gesehen hatte. Das Wasser spritzte auf. Er ruderte wild im Bach umher und spähte hitzig nach allen Seiten. Aber er konnte den Hund mit dem Stück Fleisch nicht mehr entdecken, er war verschwunden. Da fiel dem Hund sein soeben erbeutetes, eigenes Stück ein. Wo war es geblieben? Verwirrt tauchte er unter und suchte vergeblich danach. 

Lehre:
In seiner dummen Gier war ihm auch noch das Stück Fleisch verloren gegangen, das er schon sicher zwischen seinen Zähnen gehabt hatte.







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